SchnellBusse: 60 Jahre – bald ein Ende?


Seit bald sechzig Jahren fahren neben den normalen Stadtbussen auch sogenannte Schnellbusse durch Hamburg. Die acht verbliebenen Linien stehen aktuell wieder zur Diskussion – der Verkehrsausschuss lässt bis Sommer 2016 prüfen, ob eine Abschaffung sinnvoll ist oder nicht.

Die acht SchnellBus-Linien sind zuschlagspflichtig, pro Fahrkarte kostet der Zuschlag 1,90€ (seit 1.1.2015). Auf den Seiten des Hamburger Verkehrsverbundes wird das Produkt wie folgt beschrieben:

SchnellBus
Als Ergänzung zum Schnellbahnnetz stellen 8 SchnellBus-Linien (zuschlagpflichtig) umsteigefreie Verbindungen von den Wohngebieten in die Hamburger City her.
Seit der Einführung hat sich das Angebot verändert: Es wurde eine Bedienung weiterer Haltestellen gewünscht, so dass sich die Fahrzeit den zuschlagfreien Linien angeglichen hat. Daher ist das wesentliche Merkmal des SchnellBus-Systems nun ein besonderer Komfort bzw. Service. Der Name blieb jedoch bestehen. SchnellBusse haben zweistellige Liniennummern von 31 bis 39. Die Linien 48 und 49 befahren mit speziellen Kleinbussen die engen Straßen Blankeneses. – HVV.de

Umsteigefreie Verbindungen in die City

Gerade für Mobilitätseingeschränkte fahren Schnellbusse zahlreiche U-Bahnhöfe ohne Aufzug an und verbinden eben diese Haltestellen mit der Innenstadt, wo sich am Rathausmarkt der zentrale Umsteigepunkt befindet. Dort treffen sich zahlreiche Linien (31, 34, 35, 36, 37). Neben dieser Erschließungsfunktion für Mobilitätseingeschränkte werden aber auch Stadtteile ohne Schnellbahnanschluss an die City angebunden. So verbindet die Linie 37 beispielsweise Bramfeld und Schenefeld mit der Innenstadt, die 35 bindet Jenfeld an die Innenstadt an.

Auf Anfrage erklärte Christina Becker, stv. Pressesprecherin der HOCHBAHN, dass „die Schnellbusse, als umsteigefreie und vor allem schnelle Verkehrsverbindung in die Innenstadt für Fahrgäste aus den Außenbezirken geschaffen, mit Erste-Klasse-Service und Sitzplatz-Garantie eingeführt wurden.“

Drei Ausnahmen von diesem Linienkonzept gibt es aber: Die 39 als Radiale umfährt von Wandsbek-Markt über den Flughafen die Innenstadt bis Elbgaustraße/Teufelsbrück, Fähre. Die Linien 48 (Ring Blankenese) und 49 sind Kleinbuslinien in Blankenese und erfordern besondere Fahrzeuge aufgrund der beengten Verhältnisse. Was niemand vergessen darf ist, dass das Schnellbussystem in einer Zeit entwickelt wurde, wo die U-Bahn in weiten Teilen nicht barrierefrei zugänglich war.

Das Merkmal der umsteigefreien Verbindung in die City ist also auch 2015 noch gegeben – ändern wird sich daran erst 2019 etwas. Übrigens: Die 37 hat gerade eine neue Betriebsgenehmigung (externer Link) bekommen…

Kürzere Fahrzeit

Wie der HVV im oben zitierten Beschreibung bereits feststellt, hat sich die Fahrzeit der Schnellbusse bereits denen der Stadtbusse angepasst. Hierzu möchte ich mal ein Beispiel aus meinem Stadtteil vorstellen.

An den Haltestellen Preetzer Straße und Ohlsdorf sowie Hebebrandstraße treffen sich die beiden Linien SchnellBus 39 und StadtBus 172. Zur Vereinfachung habe ich mal die beiden Fahrten gegenübergestellt.

Haltestelle SchnellBus 39 StadtBus 172
Preetzer Straße 11:52 11:46
Erdkampsweg (Ost) 11:54 11:48
U/S Ohlsdorf 11:59 11:52
Feuerbergstraße –:– 11:54
Schmuckshöhe –:– 11:55
Hebebrandstraße 12:02 11:56
Fahrzeit 10 Min 10 Min
Takt 20 20, ab Ohlsdorf alle 10

Obwohl mehrere Haltestellen ausgelassen werden, kann der SchnellBus den normalen StadtBus nicht „überholen“. Anders sieht vergleichsweise in der Relation Bramfeld, Dorfplatz – Jungfernstieg/Rathausmarkt aus:

  • SchnellBus 37 direkt: 12:08 ab, 12:43 an Rathausmarkt (35 Min)
  • StadtBus 173 / Linie S1 über Barmbek: 12:01 ab, 12:41 an (40 Min)

Auf den direkten Verbindungen ist der SchnellBus unter Umständen also tatsächlich schneller in der Stadt als die Kombination Bahn&Bus. Nutzt man die Linie aber „abschnittsweise“, so hat man keine Zeitersparnis. Das ursprüngliche Schnellbusnetz war aufgrund weniger Haltestellen als heute dennoch schneller. Die Einrichtung weiterer Haltestellen entsprach dem Wunsch der Kunden. Martin Beckmann, Pressesprecher der Verkehrsbetriebe Hamburg-Holstein (VHH) erklärt, dass der Name „SchnellBus“ dennoch beibehalten wurde, da er auch heute noch ein Komfortangebot darstellen würde, „das dem Grundverkehrsangebot der Schnellbahn- und der StadtBus-Linien überlagert ist. Im Gegensatz zu den meisten StadtBus-Linien kann man mit den SchnellBus-Linien aus den Außenbereichen der Stadt direkt die Innenstadt erreichen“, und das früher wie heute.

Besonderer Service, Komfort und Sitzplatzgarantie

Auf den Schnellbuslinien kommen besondere Fahrzeuge mit einer besonders komfortablen Ausstattung zum Einsatz. So war das bisher. Seitdem der E-Bus-Terminal am ZOB fertig ist, sollen auch VOLVO-Hybridbusse auf den Schnellbuslinien fahren – so auch zahlreich auf den Linien 34 und 39, die im Gegensatz zur 37 gar nicht den ZOB ansteuert (siehe Titelbild)

Da kann man sich zurecht fragen: Wo ist da der besondere Komfort? Kann ein Bus komfortabler sein, wenn er auf einer Schnellbuslinie X fährt, als wenn er auf der Stadtbuslinie Y fährt? Die mancherorts angesprochene Sitzplatzgarantie kommt wohl nicht zuletzt durch den Zuschlag, bisher hatte ich persönlich noch nie Probleme, einen Sitzplatz zu bekommen. Ich bin aber auch kein regelmäßiger Schnellbuskunde, der überall schon mitgefahren ist, um das adäquat beurteilen zu können. Teilt gern eure Erfahrungen in den Kommentaren unten oder auf Facebook!

Besonderer Service klingt erst einmal gut. Aber was heißt das konkret? In den Neunzigerjahren wurden die Schnellbusse erstmals generell mit Niederflurbussen betrieben, als besonderer Service. Heute ist das selbstverständlich. Was heute der besondere Service ist, habe ich bei den beiden Schnellbusbetreibern, der HOCHBAHN und VHH, nachgefragt.

„Die Sitzplatz-Garantie stellt in Verbindung mit einem besonderen Sitzkomfort bis heute das besondere Servicemerkmal der Schnellbusse dar. Der Einsatz innovativer Antriebe ist kein Alleinstellungsmerkmal für sie. Diese kommen auf verschiedenen Linien – der Fokus liegt für die Bewertung unterschiedlicher Technologien auf der Innovationslinie 109 – zum Einsatz, zum Beispiel auch auf der 37. Ab 2020 sollen nur noch emissionsfreie Busse für alle Linien angeschafft werden“, erklärte Christina Becker, stv. Pressesprecherin der HOCHBAHN weiter.

Auch bei der VHH ist der besondere Sitzkomfort entscheidend. „Die Fahrzeuge weisen eine bequemere Bestuhlung auf und der Fahrplan der SchnellBus-Linien ist so bemessen, dass den Fahrgästen weitestgehend ein Sitzplatz zur Verfügung steht“, so VHH-Pressesprecher Martin Beckmann. Für diesen zusätzlichen Komfort werde der SchnellBus-Zuschlag erhoben. Darüber hinaus wird in den Bussen der Schnellbuslinie 31 – wie auf der selbst ernannten Premiumlinie M3 – kostenloses WLAN für die Kunden angeboten.

Zuschlagpflicht: Woher sie kommt

Die Zuschlagspflicht kommt nicht von ungefähr. Als vor sechszig Jahren die erste Schnellbuslinie eingeführt wurde, war dies ein größeres Politikum – schließlich bot die HOCHBAHN damit einen Parallelverkehr zu bestehenden Verbindungen an. Die heutige 36 (Hbf/ZOB – Blankenese) wurde als Sonderlinie eingeführt, mit besonderer Tarifierung. Diese wurde einfach beibehalten (sicher auch nicht ganz freiwillig). Aus Mangel an genauen Informationen bleibe ich hier etwas oberflächlich. Die Schnellbusse waren aber oft der Zeit voraus, in der Wikipedia wurden die Innovationen aufgezählt:

Für die Schnellbuslinien wurden bis in die Gegenwart meist besondere Fahrzeuge mit größerem Komfort beschafft. Sie besaßen in den 1960er Jahren zunächst Oberlicht-Fenster (Dachrand-Verglasung), Gardinen, Plüschsitze und Luftfederung. Seit ab 1968 die damals neu entwickelten Standardbusse eingesetzt wurden, die in Hamburg in erster Linie vom Hersteller Magirus-Deutz stammten (siehe dazu auch Magirus-Deutz-Standardbus), haben sie einen größeren Sitzteiler, auch entfielen die Sitzplätze entgegen der Fahrtrichtung und der Platz für Kinderwagen. Ab 2005 wurden von der HHA auch besondere Citaro-Busse mit einflügeliger Vordertür (nur Einstieg mit Fahrausweiskontrolle) eingesetzt. Zur besseren Unterscheidung erhielten die Schnellbusse seit circa 1960 eine besondere Lackierung. – Wikipedia vom 9.7.2015

Heute ist der Zuschlag sicher auch ein Faktor, weshalb eine Sitzplatzgarantie (wenn auch kein Anspruch ;)) gegeben werden kann.

Was passiert, wenn der Zuschlag abgeschafft wird?

Würde der HVV auf politischen Wunsch hin den Schnellbuszuschlag abschaffen, könnte das tiefergehende Konsequenzen für das Busnetz haben.

Die Schnellbusse stehen ohne Zuschlag in direkter „Konkurrenz“ mit den normalen Stadtbuslinien und MetroBussen. Da die Schnellbusse aber direkt in die City fahren, würde dies Fahrgäste von den anderen Linien abziehen. Außerdem bestünde auf einigen Streckenabschnitten, wie beispielsweise in dem oben genannten Abschnitt Preetzer Straße – Hebebrandstraße der Linien 39 und 172 ein gewisses Überangebot. In der Folge müssten also diverse Relationen, auch Teufelsbrück – Wandsbek Markt aufgegeben werden. Wahrscheinlich wäre, dass normale Stadtbuslinien diese Abschnitte übernehmen, in diesem Falle würde ein Umsteigezwang entstehen. Jedenfalls könnte es keine Zuschlagsfreie Gesamtlinie 39-neu geben.

Die Abschaffung des Zuschlags hätte aber auch noch zwei wirtschaftliche Folgen: Die Schnellbusse würden voller werden, was auf den ersten Blick gut scheint. Doch: Unter Umständen würden heutige Takte und Fahrzeuggrößen nicht mehr ausreichen. Hier wäre es denkbar, dass eine Metrobuslinie, sofern eine in der Gegend verkehrt, diesen Abschnitt übernehmen müsste. Wenn nicht, würden weitere Kosten entstehen. Diese würden sich einreihen in die Kosten, die ohnehin durch die Nichterhebung eines Zuschlags entstehen (also dem Einnahmerückgang). So oder so wäre eine Abschaffung also gar nicht mal so günstig.

Vielleicht ist die in Fachkreisen genannte Kanibalisierung aber nicht Fluch, sondern Segen. Wo heute ein voller Metro- oder Stadtbus fährt, könnte dieser auch durch die zusätzliche zuschlagsfreie Linie entlastet werden.

Zuschlagsfreie Verbindungen

Nicht nur Schnellbuslinien führen direkt ins Stadtzentrum aus Außenbezirken. Was ein Außenbezirk ist, ist sicherlich eine Frage der Definition, die jeder für sich entscheiden muss. Als Beispiel sind die Linien M3, M4, M5, M6 zu nennen, welche von außerhalb der Innenstadt kommen und in eben diese hineinfahren. Wenn das letzte Merkmal neben dem Sitzkomfort die Direktverbindung ist – warum sind diese Busse dann zuschlagfrei? Demnach wäre es durchaus denkbar, die Schnellbusse in Teilen in Metrobuslinien oder normale Stadtbuslinien umzuwandeln. Denn: Auch das Merkmal ist nicht mehr exklusiv…

Meine Meinung

Eine Sachliche Diskussion kommt nicht ohne eine Art Fazit aus, welche in diesem Fall nicht von offizieller Seite kommt, sondern meine persönliche Meinung widerspiegelt.

Die Alleinstellungsmerkmale der Schnellbusse verschwinden nach und nach, inzwischen kommen „normale“ Stadtbusse regelmäßig auf den Schnellbuslinien zum Einsatz. Das kann man finden wie man möchte. Wenn der Schnellbuszuschlag aber für die besondere Linienführung direkt in die City abgeschafft wird, werden diese Linien mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit völlig überlastet, sodass die Abschaffung neben den Einnahmeneinbußen für den 1. Klasse-Zuschlag auch noch zusätzliche Kosten verursacht. Sie sind zwar auch alles andere als profitabel, aber haben aufgrund mangelnder Barrierefreiheit des U-Bahn-Netzes in bestimmten Gegenden weiterhin eine Daseinsberechtigung. Um es in einem Satz zusammenzufassen: Der Schnellbus muss bleiben – solange Barrierefreiheit leider (noch) nicht die Regel ist, d.h. bis etwa 2022. (Denn: Mit der U-Bahn muss man traditionell ja immer durch die City – auch mit einer in Planung befindlichen U5. Aber die Hauptbahnhofmanie ist ein Thema für sich…)

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