Großstörungen: Willkommen im postfaktischen Zeitalter


Aus Anlass der größeren Störungen am Dienstagnachmittag habe ich mich mal entschieden, meine Sicht der Dinge niederzuschreiben, wieso wir Fahrgäste nicht immer sofort von offiziellen Seiten über Störungen informiert werden. Ebenso möchte ich die Gelegenheiten nutzen, ein paar Irrtümer auszuräumen.

Doch erstmal zur Sachlage: Am gestrigen Dienstagnachmittag brach gegen kurz vor 16 Uhr ein Feuer in einem Technikraum in der Haltestelle Berliner Tor aus, infolgedessen der Zugverkehr zwischen Messehallen – Hammer Kirche sowie Rathaus – Mundsburg unterbrochen werden musste.

Auf dem Weg von der Uni nach Hause bekam ich dann mit, dass es einen Feuerwehreinsatz gibt. Ab circa 16:10 wurde dies im Minutentakt in den Zügen durchgesagt, bis ich ausstieg wurde ich mit den deutlich zu vielen Störungsansagen beschallt. Auf dem Rückweg in Richtung Stadt (ich wollte zum Hafen) hatte man die Ansagen in den Zügen abgestellt, bedauerlicherweise ganz. In S-Bahn-Manier wies man aber an den Bahnsteigen auf die Störung hin – nur per Ansage und nicht auf den Anzeigetafeln.

Die inoffiziellen HVV-Störungsmeldungen meldeten die Unterbrechung um 16:02 Uhr, die HOCHBAHN folgte erst zehn Minuten später. Laut der Meldung der „HVV Störungsmeldungen“ dauerte die Unterbrechung dann schon eine halbe Stunde.


Wo bleibt die Störungsmeldung?

Aber wieso wird seit 16 Uhr in den Zügen dauerbeschallt, aber keine Echtzeit-Information in die App (sprich an Geofox) oder Twitter geschrieben? Die Antwort ist denkbar klar, wenngleich unbefriedigend: Zu dem Zeitpunkt, in dem die Leitstelle den Zugverkehr unterbricht, gibt es erstmal ganz akut wichtige Aufgaben:

Nämlich: Die Leute direkt vor Ort informieren. Personal mobilisieren – Die Hochbahn-Wache muss zu den Haltestellen geschickt werden, wo sie gebraucht werden, ein Ersatzverkehr muss organisiert werden. Zum Thema Ersatzverkehr komme ich noch weiter unten. – Stichwort: Notwendiges Personal organisieren

Ebenfalls problematisch: Die Lage ist bei Beginn der Störung unklar. In diesem Fall lief ein Feueralarm auf – das wird wohl eine größere Störung. Aber wenn bspw. ein Rettungswageneinsatz erforderlich wird, kann man nie genau absehen, wie lang es dauern wird, und wie viele Auswirkungen sich daraus ergeben. Aus eigener Erfahrung kann ich ganz gut bestätigen und daher nachvollziehen: Lieber etwas fundiertes mitteilen, als Spekulationen – Stichwort: Unübersichtliche Lage

Dann kommt dazu, wer für Störungsmeldungen verantwortlich ist. Hier sind dann die Social-Media-Kanäle gefragt. In aller Regel sitzen diese nicht in der Leitstelle, denn schließlich ist Web Web und Leitstelle U-Bahn-Betrieb. Insofern müssen die Verantwortlichen erst einmal informiert werden. Und gerade hier wird es im Bereich der Kurzzeit-Störungen interessant: Sie fallen durchs Raster, da sie oft nur kurz andauern und nur zu geringen Verspätungen führen. Da sind die User-basierten Angebote wie die inoffiziellen HVV-Störungsmeldungen schlichtweg schneller, hier genügt ein „Teilen“. – Stichwort: Verantwortlichkeiten

Letztlich ist das alles auch eine Abwägungsfrage: Was ist wichtiger? Fahrgäste vor Ort in den Zügen und den betroffenen Haltestellen informieren – oder die 30.000 Follower auf Twitter? Sicher ist es wünschenswert, dass sofort gemeldet wird. Aber mal im Ernst: Wie sehr würde man sich ärgern, wenn man aufgrund einer Störung einen Umweg macht, der aber eigentlich gar nicht nötig gewesen wäre? Diese Wertung lasse ich an dieser Stelle offen.


„Wieso schon wieder auf meiner Strecke?“

Wenn man in den Kommentaren zu den Störungen stöbert, findet man einige fragwürdigen Kommentare. So zum Beispiel ein Kommentar, dass dies jetzt schon die dritte Störung am Berliner Tor (Anmerkung: mir fallen nur zwei ein, plus der Wassereinbruch am Rathaus) sei, und das man doch jetzt aufhören wolle fürs Abo zu zahlen.

Zum einen: Von der Zahlungspflicht macht man sich per Kündigung frei – gerne. Schwund ist überall. Aber wer glaubt denn ernsthaft, dass die Verkehrsunternehmen Störungen mutwillig herbeiführen? Soll jetzt ein Mitarbeiter im Technikraum gezündelt haben? Andererseits: Soll durch eine völlig verqualmte Haltestelle gefahren werden? Dann gäbe es reichlich Ärger. Wir in Hamburg haben eine vorzüglich instand gesetzte Infrastruktur. In anderen Städten gibt es immense Investitionsstaus. Also von allein passiert in der Regel schonmal nichts. (Anmerkung: Die Brandursache ist unklar.) Und mit Absicht erst recht nicht.


Wo bleibt der Ersatzverkehr?

Die Überschrift sagt ja alles: Wo bleibt er denn? Wo fährt er ab? Vorweg muss man einräumen, dass gestern Nachmittag der Busbetrieb ohnehin arg zu leiden hatte, da es im Raum Hammerbrook zu einer Evakuierung infolge eines Fundes einer Fliegerbombe kam. Es staute sich rings rum, und der Ersatzverkehr war mit betroffen. Von der Kreuzung Jungfernstieg / Ballindamm / Plan bis hin zur Mönckebergstraße standen die Busse der 4, 5, 36 und 109 gestern Stoßstange an Stoßstange.

Doch wie kommt der Ersatzverkehr überhaupt zustande? Für einen kurzfristigen Ersatzverkehr (ich spreche im Folgenden von Busnotverkehr) gibt es kein festes Personal oder feste Wagen. Man kann auch nicht für solche großen Sperrungen etwa zwanzig Gelenkbusse jederzeit einsatzbereit halten. Wenn der Ersatzverkehr angefordert wird, fahren Busse zum Einsatzort, die eigentlich zum Betriebshof zum Aussetzen fahren sollten. Nicht selten werden auch Busse von dicht befahrenen Linien abgezogen – was die Fahrgäste dort verärgert. Es gibt sogenannte Bereitschaftswagen, die dazu da sind, kurzfristig einzuspringen. Diese sind dann auf dem Busnotverkehr, sofern verfügbar und nicht schon woanders im Einsatz, zu finden.

Stellen wir uns jetzt mal vor, dass auf diese Weise die eben (an den Haaren herbeigezogenen) zwanzig Busse, also zehn pro Linie, unterwegs waren. Laut Google Maps braucht man am Mittag für den Weg entlang aller Haltestellen (exklusive Fahrgastwechsel) eine halbe Stunde. Ergibt also eine Umlaufzeit von einer Stunde. Nun ist aber Feierabendverkehr und Stau und der unberechenbare „Störfaktor“ Fahrgast kommt noch dazu – schnell wird aus der idealen Stunde deutlich mehr. Selbst wenn man bei einer Stunde bliebe, bräuchte man für einen stabilen 5min Takt mindestens zwölf Busse, bzw. zwölf Fahrten. Denn pro U-Bahn-Zug (120m) reicht nicht ein Gelenkbus. Also: Das Leid ist vorprogrammiert.

Nicht zu vergessen sind auch noch die Einsetzwege zum Busnotverkehr von dem Ort wo der Bus gerade ist (auch hier wieder Stau auf dem Hinweg). Ebenfalls zu bedenken ist, dass hierfür alles genommen wird, was fährt, also auch ein 12m-Stadtbus. Er reicht nicht, hilft aber.

Zusätzlich stellt die HOCHBAHN Taxen als Ersatz zur Verfügung – ein Tropfen auf den heißen Stein. Wer kann, sollte mit anderen Linien vorbeifahren. Wieso hundert Leute am Rathausmarkt auf den U3-SEV warten, wo sie ihre Ziele auch mit der S-Bahn oder zunächst der Linien 3, 4, 5, 6, 109 zuschlagsfrei erreichen können, ist für mich als „Profipendler“ nicht nachvollziehbar. Oder zu einer anderen Haltestelle zu Fuß gehen, wo man vielleicht besser mit anderen Linien wegkommt. Vielleicht mache ich mir auch einfach zu viele Gedanken, möglichst flüssig durchzukommen. Da fällt mir glatt das Zitat eines bekannten Philosophen ein: „Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“, denn auch die Personale vor Ort sind nicht allwissend.


Ein Fazit

Als Fazit mal eine ungewöhnliche Aussage: Haben wir keine anderen Probleme? Bei Großstörungen ist alles unterwegs, was kann, in der Leitstelle steht auch nichts still. Dass eine Fahrplanmeldung nicht sofort da ist – nachvollziehbar. Aber utopische Forderungen stellen und sich über die seltenen Vorfälle aufregen ist nicht nachvollziehbar.

Es ist nicht wichtig, dass man an 364 Tagen im Jahr perfekt durchkommt. Es ist viel wichtiger, dass es das eine Mal nicht geklappt hat. Es lief nicht alles glatt gestern, aber irgendwo ist dann auch gut. Wir sollten uns freuen, wie gut wir es sonst haben; wie wichtig die bestehenden Systeme sind, sieht man ja daran, was passiert, wenn sie mal nicht zur Verfügung stehen. Willkommen im postfaktischen Zeitalter.

Vielen Dank dass Ihr bis hier unten gelesen habt. Hinterlasst gern einen Kommentar mit eurer persönlichen Meinung 😉

Titelbild: Ein 12m-Schnellbus als kurzfristiger Schienenersatz in diesem Sommer.

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7 Gedanken zu “Großstörungen: Willkommen im postfaktischen Zeitalter

  1. Hallo,
    der Bericht ist absolut Spitze und ich kann das genörgel der Deutschen nicht mehr hören.

  2. EIn großer Fakt, dass viele „Pendler“ am nörgeln sind, wenn der Bus auch mal eben nur 5min Verspätung hat, liegt an den deutlich zu hohen Fahrpreisen. Man kann natürlich mit einer Einzelkarte AB von Harburg -> Norderstedt fahren… Wer macht das allerdings schon.
    BTW: ich zahle nun ca. 180€ pro Monat für den HVV Gesamtbereich… Das ist enorm viel im Gegensatz zu anderen Städten – Und da erwartet man auch ein gewisses Maß an
    – Pünktlichkeit
    – Bequemlichkeit
    – Zuverlässigkeit.

    Um Gottes WIllen – SO ein Brand ist eine Höhere Gewalt. Alle EHren, wenn man innerhalb von 30min überhaupt wieder auf „seiner“ Linie fährt und den, hier im wahrsten Sinne, Brennpunkt, umfahren hat…

    Nur, wie anfangs gesagt und lang herum geschwafelt: Je tiefer man in die Geldbörse greift, um von A->B zu kommen, desto höher ist auch die Erwartung…

    Und jetzt:
    Prügelt auf mich ein -> Auf geht’s, Shitstorm 😉

  3. _
    16:00 Uhr
    Ich habe mit der 5 allein vom Stephansplatz zum Gänsemarkt 30 Min gebraucht. Nur um dann am Jungfernstieg von einer wütenden Meute bombardiert zu werden: „Was ist los?“ „Wo müssen wir hin?“ und „Warum dauert das so lange“ Und natürlich fragen immer Gleich 3 Leute welche direkt nebeneinander stehen die Selbe frage.
    Am Rathaus dann das selbe Spiel, am Gerhart Hauptmann Platz nochmal ebenso Mönkeberkstraße und ZOB.
    Ende vom Lied 60 Min Verspätung.

    _
    18:00 Uhr
    Ich hatte endlich das Gefühl selbst halbwegs verstanden zu haben was los ist. Durch Erzählungen hier und dort, Radio und vereinzelten Ansagen über Funk.
    Ausgerechnet heute hab ich mein Handy nicht zur Hand, sonnst könnte ich ja ach mal auf HVV Störungsmeldungen nachschlagen.

    _
    22:30 Uhr
    Auf den Straßen herrscht schon lange wieder gähnende Leere, ich bin immer noch mit 40 Min Verspätung unterwegs.
    Da kommt ein Herr zu mir und blökt mich an das der 36er schon lange überfällig ist, mit einem Hinweis auf das Caos welches gewütet hatte kam nur zurück, dass der 36 ja gar nicht über City Süd und Berliner Tor führe.

    _
    23:00 Uhr
    Mir kommt in der Innenstadt noch eine 34 entgegen welche ja eigentlich schon vor 2 Stunden Betriebsschluss hätte. 😀

    _
    0:00
    Ihr habe endlich Feierabend
    Nach dem meine Veranschlagten 110 Min Pause auf 60 Min geschupft waren mit nun nur noch 20 Min Verspätung, immerhin diese kann ich mir als Überstunden verbuchen.
    Meine Gedanken schwenken zu meinen Kollegen, welche nach einem Ahnungslosen 8 Stunden Dienst nochmal eben ein-zwei Runden SEV hinterran schieben, die haben zum Dank bestimmt noch mehr Beschimpfungen an den Kopf bekommen.
    Sogar Mitarbeiter aus dem HOCHBAHN Haus habe ich im Anzug hinterm Steuer gesehen.
    Ich bin ja eigentlich noch ganz gut weg gekommen.

    In diesem Sinne einmal an alle Kollegen auf Bus und Taxi, ein Schulterklopfer für uns, wenn es sonst keiner macht.
    Dafür das wir hunderte, die plötzlich hilflos wie kleine Kinder auf der Straße Standen, ganz nach Immanuel Kant ohne Mut sich des eigenen Verstandes zu bedienen, sicher, wenn als langsamer als gewohnt nach hause bracht.

    _
    Am nächstem Morgen:
    Erst jetzt erfahre ich das es zum Feuer gekommen ist.
    Zuvor habe ich immer nur was von Feuerwehreinsatz und Bombenentschärfung gehört, da dachte ich es handle sich um die selbe Sache.
    Da habe ich wohl selbst einem ganzen Haufen Kunden falsche Auskunft gegeben. 😦

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