Coradia Max: Alstom reduziert Produktion auf nahezu null

Die Probleme mit den neuen Doppelstockzügen vom Typ Coradia Max bringen den französischen Zughersteller Alstom zunehmend in Schwierigkeiten. Nach einer drastischen Gewinnwarnung brach die Aktie des Konzerns heute zeitweise um mehr als 30 Prozent ein. In einer Investorenkonferenz räumte die Unternehmensführung erhebliche technische Probleme, Nacharbeiten an bereits gebauten Fahrzeugen und Schwächen bei der Zulassungsplanung ein. Bis zum Frühjahr 2027 sollen nahezu keine neuen Coradia Max mehr produziert werden. Die erste Zulassung eines der sechs deutschen Beschaffungsprojekte wird inzwischen erst für März 2028 erwartet.

Dass Alstom bei der Entwicklung und Auslieferung seiner neuen Coradia-Max-Doppelstockzüge erhebliche Schwierigkeiten hat, ist seit Längerem bekannt. Alle sechs deutschen Beschaffungsprojekte haben sich inzwischen deutlich verzögert. Wie schwerwiegend die Probleme tatsächlich sind, wurde jedoch erst am Montagmorgen deutlich: In einer Mitteilung zu den vorläufigen Halbjahreszahlen und einer anschließenden Telefonkonferenz mit Finanzanalysten räumte die Konzernführung ein, dass die Produktion der Züge zwischenzeitlich unterbrochen werden musste. Grund sind technische Schwierigkeiten, die umfangreiche Nacharbeiten an bereits gebauten Fahrzeugen erforderlich machen.

Die Auswirkungen sind inzwischen so erheblich, dass Alstom seine Gewinnprognose für das laufende Geschäftsjahr drastisch senken musste. Die Aktie des Unternehmens verlor daraufhin zeitweise rund 31 Prozent ihres Wertes. Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten gehen dabei vor allem auf die Coradia-Max-Projekte und weitere Probleme bei Aufträgen mit Deutschlandbezug zurück.

Technische Probleme machen Nacharbeiten notwendig

Nach Angaben von Konzernchef Martin Sion wurden im Frühjahr 2026 erhebliche technische Schwierigkeiten am Coradia Max festgestellt. Um nicht noch mehr Fahrzeuge herzustellen, die anschließend ebenfalls umgebaut werden müssten, wurde die Fertigung zwischenzeitlich unterbrochen.

Zur Lösung der Probleme setzte Alstom interne Expertengruppen ein, sogenannte „Tiger Teams“. Diese sollten die technischen Schwierigkeiten untersuchen und Maßnahmen zu ihrer Behebung entwickeln. Nach Angaben Sions konnten bis zum Ende des Sommers entsprechende Lösungen erarbeitet werden. Inzwischen sei auch ein Verfahren entwickelt worden, um die notwendigen Nacharbeiten an bereits gebauten Fahrzeugen industriell durchzuführen. Welche technischen Mängel genau festgestellt wurden, erklärte Alstom allerdings nicht. Auch blieb offen, wie viele Fahrzeuge bereits produziert wurden, an welchen Baugruppen Nacharbeiten erforderlich sind und ob sämtliche Coradia-Max-Varianten in gleichem Umfang betroffen sind.

Neben den technischen Problemen bestehen offenbar erhebliche Schwierigkeiten bei der Erprobung und Zulassung. Im dritten Quartal 2026 überprüfte eine weitere interne Expertengruppe die bisherigen Test- und Zulassungspläne. Dabei seien erhebliche Schwächen festgestellt worden. Die Planung musste deshalb grundlegend überarbeitet werden. Alstom habe inzwischen einen neuen Zeitplan erarbeitet, der durch erfahrene Fachleute des Konzerns überprüft worden sei. Sion erklärte, diesen regelmäßig persönlich zu kontrollieren, und zeigte sich zuversichtlich, dass weitere grundlegende Terminverschiebungen vermieden werden können.

Neuproduktion bis Frühjahr 2027 nahezu eingestellt

Besonders weitreichend sind die Aussagen von Finanzvorstand Bernard Delpit zur weiteren Fahrzeugproduktion. Demnach soll die Zahl der im laufenden Geschäftsjahr neu hergestellten Coradia-Max-Wagen auf ein Minimum reduziert werden. Delpit sprach sogar von einer Reduzierung „close to zero“, also nahezu auf null.

Erst nach Abschluss der erforderlichen Tests soll die Produktion im nächsten Geschäftsjahr wieder hochgefahren werden. Das laufende Geschäftsjahr endet am 31. März 2027. Damit ist bis zum kommenden Frühjahr praktisch keine nennenswerte Neuproduktion der Coradia Max mehr vorgesehen. Das bedeutet allerdings nicht, dass sämtliche Arbeiten an den Fahrzeugen ruhen. Bereits gebaute Züge sollen weiterhin nachgearbeitet und erprobt werden. Auch die Vorbereitungen für die Zulassung laufen weiter.

Die Entscheidung wirkt sich auf das gesamte Produktionsprogramm von Alstom aus. Statt der bisher vorgesehenen 4.400 bis 4.500 Eisenbahnwagen sollen im laufenden Geschäftsjahr konzernweit nur noch rund 4.000 Wagen hergestellt werden. Den überwiegenden Teil dieser Reduzierung führte Delpit auf die Coradia Max zurück.

Wie viele Fahrzeuge der sechs deutschen Projekte bereits fertiggestellt wurden und wie viele sich noch im Bau befinden, teilte die Konzernführung nicht mit.

Erste Zulassung im März 2028 – letzte Projekte womöglich erst 2030

Auch bei der Zulassung verschieben sich die Termine erheblich. Nach Angaben Sions soll das erste Coradia-Max-Projekt nun erst im März 2028 zugelassen werden. Die übrigen fünf Projekte sollen anschließend folgen. Welcher der sechs Aufträge zuerst zugelassen werden soll, ließ die Konzernführung offen, naheliegenderweise dürfte es sich um das LNVG-Projekt für das Expresskreuz Bremen-Niedersachsen handeln.

Die zeitliche Abhängigkeit der verschiedenen Projekte hat einen technischen Hintergrund: Ursprünglich war vorgesehen, mit der Zulassung des ersten Coradia Max einen wesentlichen Teil der erforderlichen Nachweise für die übrigen Fahrzeugvarianten zu erbringen. Die Zulassungsverfahren der anderen Projekte sollten darauf aufbauen. Die Verzögerung des ersten Projektes wirkt sich deshalb auch auf die übrigen fünf aus. Dabei unterscheiden sich die bestellten Züge unter anderem in ihrer Länge, Ausstattung und den Anforderungen an die Zugsicherung.

Sion geht inzwischen davon aus, dass die ersten Projekte 2028 in den Fahrgastbetrieb gehen könnten. Die letzten Inbetriebnahmen könnten sich bis Anfang 2030 hinziehen. Einen verbindlichen Zeitplan für die einzelnen Aufträge nannte er nicht. Wann die Fahrzeuge tatsächlich im Fahrgastbetrieb eingesetzt werden können, bleibt auch offen.

Alle sechs deutschen Aufträge inzwischen verlustbringend

Die Probleme treffen Alstom auch wirtschaftlich schwer. Nach Angaben der Konzernführung umfassen die sechs deutschen Coradia-Max-Projekte einen Auftragswert von zusammen rund fünf Milliarden Euro – die langfristigen Instandhaltungsverträge sind darin nicht enthalten.

Inzwischen rechnet Alstom bei sämtlichen sechs Projekten mit einer negativen Bruttomarge. Kurzum: Die Fahrzeugaufträge werden damit nach aktueller Planung allesamt Verluste verursachen. Neben den Kosten für die verlängerte Entwicklung, zusätzliche Erprobungen und Nacharbeiten kommen Vertragsstrafen wegen der verspäteten Lieferungen hinzu. Finanzvorstand Delpit erklärte, dass die vertraglichen Bedingungen bei den einzelnen Aufträgen unterschiedlich seien. Besonders gravierende finanzielle Auswirkungen hätten die Vertragsklauseln bei zwei der sechs Projekte. Welche Auftraggeber davon betroffen sind, verriet er aber nicht.

Konzernchef Sion räumte zudem ein, dass die Probleme nicht allein technischer Natur seien. Auch bei der Entwicklung und im Projektmanagement habe es Defizite gegeben. Bestimmte Risiken und Vertragsbedingungen würden bei heutigen Ausschreibungen bereits vor der Auftragsvergabe anders bewertet.

Die wirtschaftlichen Folgen sind erheblich: Alstom senkte seine Prognose für die operative Gewinnmarge im laufenden Geschäftsjahr von bisher 6,5 Prozent auf nur noch etwa ein Prozent. Zugleich erwartet der Konzern einen Mittelabfluss von rund 1,5 Milliarden Euro, unter anderem weil Zahlungen für verspätet gelieferte Fahrzeuge erst später eingehen. Um die finanzielle Lage zu stabilisieren, kündigte Alstom einen Schuldenabbau von rund zwei Milliarden Euro bis September 2027 an. Dazu prüft der Konzern auch den Verkauf von Unternehmensteilen. Die Probleme beim Coradia Max sollen zudem Konsequenzen für die internen Entwicklungs- und Projektmanagementstrukturen haben.

Was bedeutet das für den Norden?

Für die norddeutschen Aufgabenträger und Verkehrsunternehmen werfen die neuen Erkenntnisse weitere Fragen auf. Die bereits bekannten Verzögerungen bei den Fahrzeuglieferungen erhalten durch die nun eingeräumten technischen Schwierigkeiten und den weitgehenden Produktionsstopp eine neue Dimension.

Besonders deutlich wird dies beim Expresskreuz Bremen/Niedersachsen. Für die dortigen Regionalexpresslinien hat die Landesnahverkehrsgesellschaft Niedersachsen (LNVG) insgesamt 34 Coradia Max bestellt. Ursprünglich sollten die Züge bereits seit Dezember 2024 eingesetzt werden. Nach mehreren Verschiebungen wird inzwischen erst 2028 mit den ersten Fahrzeugen gerechnet.

Dabei sind nach Angaben des Bremer Senats bereits 17 Fahrzeuge fertiggestellt, fünf weitere befinden sich im Rohbau. Ob diese Fahrzeuge von den jetzt bekannt gewordenen technischen Problemen betroffen sind und in welchem Umfang Nacharbeiten notwendig werden, ist bislang nicht bekannt.

Auch bei den 42 Coradia Max für Schleswig-Holstein besteht erheblicher Klärungsbedarf. Erst am 21. Oktober hatte Alstom gegenüber der Deutschen Presse-Agentur bestätigt, dass sich die Auslieferung der Züge für die Netze Mitte und Süd-West auf 2028 verschiebt. Zugleich hatte der Hersteller erklärt, die Serienfertigung sei angelaufen. Die Erprobung laufe in Deutschland und auf dem tschechischen Versuchsring Velim. Die nun angekündigte nahezu vollständige Reduzierung der Neuproduktion wirft daher Fragen nach dem tatsächlichen Fertigungsstand auf. Zwar schließen sich eine bereits angelaufene Serienfertigung und eine spätere Produktionsunterbrechung nicht grundsätzlich aus. Wie viele Züge für Schleswig-Holstein bislang gebaut wurden und ob auch diese nachgearbeitet werden müssen, bleibt aber offen.

Die Fahrzeuge sind für die Linien RE 7 und RE 70 von DB Regio sowie RB 61 und RB 71 der nordbahn vorgesehen. Neben den geplanten Kapazitätserweiterungen hängt auch die künftige Durchbindung des RE 7 nach Dänemark von der Verfügbarkeit der neuen Fahrzeuge ab. Die Verkehrsunternehmen und das Land arbeiten bereits an Übergangslösungen. Die nordbahn will nach bisherigem Stand ihre bisherigen Fahrzeuge bis Mitte 2028 weiter einsetzen. DB Regio sieht bei der vorhandenen Fahrzeugflotte für das Netz Mitte ebenfalls eine vergleichsweise gute Ausgangslage. Ob diese Übergangslösungen angesichts der neuesten Entwicklungen ausreichen, bleibt abzuwarten.

Von den Verzögerungen betroffen ist außerdem das Teilnetz Ostsee-Alster zwischen Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern. Hierfür hat DB Regio Nordost 18 Coradia Max bestellt, die ursprünglich ab Dezember 2027 unter anderem auf dem RE 1 zwischen Hamburg und Rostock eingesetzt werden sollten. Einen neuen konkreten Liefertermin für diese Fahrzeuge hat Alstom bislang nicht genannt. Angesichts der für März 2028 vorgesehenen ersten Zulassung eines Coradia-Max-Projektes erscheint eine planmäßige Einführung zum Fahrplanwechsel im Dezember 2027 allerdings ausgeschlossen.

Insgesamt sind in Deutschland 296 Coradia-Max-Züge bestellt. Neben den drei norddeutschen Projekten gehören dazu weitere Bestellungen für den Regionalverkehr in Hessen und Baden-Württemberg.

Auch andere Fahrzeugprojekte betroffen?

In der Investorenkonferenz erklärte Finanzvorstand Delpit, dass die veränderte Produktionsplanung auch Auswirkungen auf andere Projekte habe, die in Deutschland oder für den deutschen Markt abgewickelt werden. Der überwiegende Teil der Schwierigkeiten betreffe allerdings den Coradia Max.

Konkrete weitere Fahrzeugtypen nannte Alstom nicht. Ob und inwieweit beispielsweise die laufende Lieferung der Hamburger S-Bahn-Züge der Baureihe 490 oder die Produktion der neuen DT6 für die Hamburger Hochbahn betroffen sind, lässt sich aus den Aussagen nicht ableiten.

Weitere Fragen zum tatsächlichen Fertigungsstand

Mit den Aussagen vom Montag hat Alstom erstmals deutlich gemacht, dass die Schwierigkeiten beim Coradia Max weit über die bislang bekannten Lieferengpässe und Verzögerungen im Zulassungsverfahren hinausgehen. Technische Mängel, notwendige Nacharbeiten an bereits gebauten Zügen und erhebliche Defizite bei der Test- und Zulassungsplanung haben die Fahrzeugplattform inzwischen zu einem schwerwiegenden Problem für den gesamten Konzern werden lassen.

Offen bleibt insbesondere, welche technischen Schwierigkeiten festgestellt wurden, wie viele Fahrzeuge nachgearbeitet werden müssen und wie sich die nun nahezu eingestellte Neuproduktion auf die einzelnen Liefertermine auswirkt.

Alstom will am 17. November seine endgültigen Halbjahreszahlen veröffentlichen. Ob dann auch nähere Angaben zum Fertigungsstand der sechs Coradia-Max-Projekte und zu den überarbeiteten Zulassungsplänen folgen, bleibt abzuwarten.

Titelbild: Rohbau eines Coradia Max-Doppelstockwagens. Quelle: ALSTOM, 2025