Baureihe 474

Von den dreiteiligen Triebzügen der Baureihe 474/874 wurden von 1996 bis 2001 und 2006 insgesamt 112 Einheiten in drei Serien vom Herstellerkonsortium Linke-Hofmann-Busch und ABB Henschel (später Adtranz) gebaut. 42 Fahrzeuge sind mehrsystemfähig.

Die Züge der Baureihe 474/874 besitzen die folgenden Fahrzeug- bzw. Wagennummern:

BauserieAnzahlFahrzeugnummernWagennummernTz-Nummern
1. BS45A-Wagen: 474 001 – 474 045
C-Wagen: 874 001 – 874 045
B-Wagen: 474 501 – 474 545
4001 – 4045
8001 – 8045
4501 – 4545
4001 – 4045
2. BS25A-Wagen: 474 046 – 474 103
C-Wagen: 874 046 – 874 103
B-Wagen: 474 546 – 474 603
mit Lücken*
4046 – 4103
8046 – 8103
4546 – 4603
mit Lücken*
4046 – 4058
4092 – 4103
3. BS (Neubau)9A-Wagen: 474 104 – 474 112
C-Wagen: 874 104 – 874 112
B-Wagen: 474 604 – 474 612
4104 – 4112
8104 – 8112
4604 – 4612
4104 – 4112
3. BS (Umbau)33A-Wagen: 474 113 – 474 145
C-Wagen: 874 113 – 874 145
B-Wagen: 474 613 – 474 645
4113 – 4145
8113 – 8145
4613 – 4645
4113 – 4145

*Die Fahrzeuge 4059 – 4091 wurden zu den Zweisystemfahrzeugen 4113 – 4145 umgebaut.

Entwicklung und Inbetriebnahme

Am 31. März 1994 bestellte die Deutsche Bundesbahn für die Hamburger S-Bahn 45 Triebzüge der Baureihe 474/874 beim Herstellerkonsortium Linke-Hofmann-Busch und Asea Brown Boveri mit der Option auf 58 weitere. Diese wurde im Oktober 1996 bei nunmehr LHB und Adtranz eingelöst.

Der erste Triebzug 4001 wurde am 22. November 1996 nach Ohlsdorf überführt und am 27. November der Öffentlichkeit vorgestellt. Die ersten sechs Züge wurden noch in einem an den DT4 der HOCHBAHN angelehnten weiß-grau-roten Farbkleid geliefert, bei Nacharbeiten in Salzgitter wurden diese dann noch vor der Inbetriebnahme in verkehrsrot umlackiert. Als erstes kam Tz 4006 am 6. Juni 1997 umlackiert zurück nach Hamburg.

Der Fahrgastbetrieb begann mit den Tz 4006 und 4007 am 24. August 1997 um 4:49 auf der Linie S1 zwischen Poppenbüttel und Wedel. Ein zweiter Vollzug gelang ab dem 8. September in den Fahrgastbetrieb. Aufgrund von Problemen mit Spannungswandlern, der Antriebssoftware und der Türsteuerung mussten die Züge immer wieder kurzzeitig außer Betrieb genommen werden. Vibrationen im Fahrgastraum ab 88 km/h führten zuvor bereits zu Verzögerungen bei der Abnahme. Ab dem 18. November 1997 wurde der Betrieb der Neufahrzeuge auf Eis gelegt, aufgrund der zahlreichen Softwarefehler. Bis Januar 1998 kam es zu einem Lieferstopp. Schon am 24. Dezember 1997 kamen nach Überarbeitungen der Türsteuerung und Antriebssoftware nach und nach wieder Neubauzüge zum Einsatz, im Januar 1998 dann auch auf der S3 zur Erprobung der Züge im Praxisbetrieb bei 100 km/h.

Am 12. Juli 2001 ging der 103. und vorerst letzte Triebzug in den Fahrgastbetrieb. Der Tz 4002 blieb bis 2003 Ersatzteilspender und Ausbildungsfahrzeug.

474 056 nach erfolgtem Redesign und Neulack auf der Verbindungsbahn.

Nur wenig später begannen die Planungen für die Verlängerung der S-Bahn-Linie 3 über Neugraben hinaus nach Stade. Hierfür wurde die Beschaffung von Mehrsystemfahrzeugen nötig, da der Abschnitt nur mit Oberleitung ausgerüstet ist. Für den neuen Abschnitt wurden 9 Neufahrzeuge benötigt, 33 Fahrzeuge der zweiten Serie erhielten einen neuen Mittelwagen, welcher die Wechselstrom-Ausrüstung besitzt. Näheres zum Umbau weiter unten unter „Umbau zu Mehrsystemfahrzeugen“. Der erste Mehrsystemzug 4104 traf am 28. Juli 2005 in Ohlsdorf ein.

Technisches

Dieser Absatz beschreibt die Fahrzeuge im heutigen Zustand.

Die Fahrzeuge der Baureihe 474/874 bestehen aus drei betrieblich nicht trennbaren Wagen, welche mit Kurzkupplungen miteinander verbunden sind. Es können bis zu drei Einheiten miteinander gekuppelt werden. Jeder Zug ist 66 Meter lang und bot vor dem Redesign 208 Sitz- und 306 Stehplätze (0,25m²/Person). Von den 208 Sitzplätzen sind zwölf auf Klappsitzen in den Mehrzweckbereichen. Die Züge der Baureihe 474 sind nur untereinander elektrisch kuppelbar, mit der BR 490 kann nur mechanisch gekuppelt werden, für Altbaufahrzeuge wird zusätzlich eine Übergangskupplung benötigt.

Die acht Drehstrom-Asynchronmotoren mit einer Dauerleistung von 125 kW können die Fahrzeuge der Baureihe 474 auf 100 km/h beschleunigen. Dabei wird eine maximale Beschleunigung von 1,0 m/s² erreicht. Der Mittelwagen der Baureihe 874.1 und 874.2 ist antriebslos und ungebremst.

Erstmals wird der Gleichstrom aus der Stromschiene durch einen statischen Drehstrom-Bordnetzumrichter im Fahrzeug in Drehstrom (380V / 50 Hz) umgewandelt, hierfür sind beide Endwagen mit einem wassergekühlten GTO-Wechselrichter ausgerüstet.

Die Stromaufnahme erfolgt über zwei Stromabnehmer pro Fahrzeugseite, welche sich am ersten bzw. letzten Triebdrehgestell befinden. Die Fahrzeuge der Baureihe 474.3 besitzen auf ihren Mittelwagen (874.3) zusätzlich einen Dachstromabnehmer.

Die Fahrzeuge sind mit vier Bremssystemen ausgestattet – einer indirekten Bremse, einer direkten Bremse, einer als gemischte Netz- und Widerstandsbremse ausgeführte elektrische Bremse sowie Magnetschienenbremsen (MG-Bremse). Je nach Bauserie gibt es Unterschiede in den Ausführungen der Bremssysteme. An den Endwagen der ersten Serie sind alle Achsen mit je zwei Bremsscheiben und die Drehgestelle mit je einem Paar Magnetschienenbremsen ausgestattet. An den Endwagen der zweiten und dritten Serie sind alle Achsen nur noch mit je einer Bremsscheibe ausgestattet. Im Vergleich zu den Bremsscheiben der ersten Serie sind die der zweiten und dritten Serie größer. Auch die Anzahl der Magnetschienenbremsen wurde verringert. Bei der zweiten und dritten Serie sind nur noch das erste und das letzte Drehgestell pro Triebzug mit einem Paar Magnetschienenbremsen ausgestattet. Auch diese sind größer als die Magnetschienenbremsen der ersten Bauserie.

Eine Übersicht über die verschiedene Bremsausrüstung der Baureihe 474 gibt die folgende Tabelle:

Drehgestelle

TD 1

TD 2

LD 1

LD 2

TD 3

TD 4

Achse

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

1. Bauserie

Bremsscheiben

2

2

2

2

2

2

2

2

MG-Bremsen

1 Paar

1 Paar

1 Paar

1 Paar

Federspeicher

1

1

1

1

1

1

2./3. Bauserie

Bremsscheiben

1

1

1

1

1 *

1

1

1

1

MG-Bremsen

1 Paar

1 Paar

Federspeicher

1

1

1

1

*nur 3. Serie

Jeder Wagen besitzt pro Seite drei Außenschwenkschiebetüren, die Führerräume besitzen eine Außentür pro Fahrzeugseite sowie eine Tür in den Fahrgastraum. Seit 2016 erhalten die Züge im Rahmen eines Redesign-Programmes nach und nach Durchgänge zwischen den Wagen. Heute dominieren die Farben blau und silber im Fahrgastraum. Hinter jedem Führerstand befindet sich ein Mehrzweckbereich mit sechs Klappsitzen, in den Redesignzügen zusätzlich auch im Mittelwagen. Zwischen Führerstand und Fahrgastraum sowie den einzelnen Wagen wurden großzügige Fenster für ein erhöhtes Sicherheitsgefühl eingebaut.

Die Fahrgastinformation erfolgt über Rollbandanzeigen oder LED-Zugzielanzeigen an der Fahrzeugfront und seit Betriebsstart der Flughafen-S-Bahn zusätzlich mit LCD-Zielanzeigen an den Seiten. Die Züge erhalten derzeit ein neues FIS.

Altes FIS:

Ab Werk besitzen die Züge eine Rollbandanzeige an der Front sowie LCD-Haltestellenanzeigen im Wageninneren, welche die Linie und die nächste Station anzeigen. Dazu kommt eine automatische Haltestellenansage. Automatische Außendurchsagen sind nicht möglich.

Neues FIS:

Im Laufe des Redesign-Programms wurde angefangen, die Zugzielanzeigen gegen LED-Zielanzeigen auszutauschen. Im selben Schritt werden Monitore für Fahrgastfernsehen und LED-Haltestellenanzeigen eingebaut, welche neben Linie und Ziel die nächsten drei Haltestellen sowie die Ausstiegsseite anzeigen. Die Züge sagen nach Türfreigabe auf der entsprechenden Seite Linie und Ziel außen an.

474 111 wurde als Probeträger der 3. Serie für das Redesign inklusive neuen Zielanzeigen und Fahrgastfernsehen ausgewählt und verlässt in wenigen Sekunden den frisch modernisierten Hp Jungfernstieg.

Durch ein Softwareupdate können die Züge mit neuem FIS zugteilgenau beschildert werden. Ab 2008 zeigten die Züge der Linie S1 an beiden Zugteilen „S1 Airport/Poppenbüttel“ an, obwohl mit den Seitenanzeigen eigentlich dargestellt werden sollte, welcher Zugteil welcher ist. Mit dem Update wird seit Ende 2019 bei Zügen mit neuem FIS weiterhin „S1 Hamburg Airport / Poppenbüttel“ zweizeilig an der Front geschildert, an der Seite aber „S1 Hamburg Airport“ oder „S1 Poppenbüttel“. Das entsprechende Zugteil-Ziel wird auch auf den Monitoren im Fahrgastraum angezeigt.

Umbau zu Mehrsystemfahrzeugen

Für den Betrieb auf dem Wechselstrom-Abschnitt der S3 (Stade – Neugraben) war neben der Neuanschaffung von neun Fahrzeugen auch der Umbau der übrigen für die S3 benötigten Fahrzeuge erforderlich.

33 Fahrzeuge der 2. Bauserie erhielten dafür einen neuen Mittelwagen, welcher außer der 15 kV / 16,7 Hz-Anlage mit einem 4,5 t schweren Transformator auch elektrische Anlagen bekam. Die Laufdrehgestelle der neuen Mittelwagen werden nun ähnlich wie die Triebdrehgestelle ausgeführt und erhalten aufgrund der höheren Masse eine Bremsscheibe an der achten Achse. Um die Luftbehälter und Stromabnehmer auf dem Dach unterbringen zu können, wurde die Decke im Fahrgastraum zwischen dem äußeren Türraum und dem Wagenende abgesenkt.

Die alten Mittelwagen konnten aufgrund der höheren Belastungen nicht weiterverwendet werden und wurden daher ausgeschlachtet (Türen, Scheiben, Sitze, Inneneinrichtung) und anschließend verschrottet. Die Endwagen blieben baulich unverändert und erhielten die Ordnungsnummer des neuen Mittelwagens.

Redesign

Seit 2016 werden die Züge der Baureihe 474/874 einem Redesign im Werk Neumünster unterzogen. Neben Durchgängen zwischen den Wagen werden die Züge komplett entkernt und erhalten einen neuen Innenausbau, bei dem die Farben grau/silber und blau dominieren. Im Mittelwagen wird ein zusätzlicher Mehrzweckbereich zwischen zwei Türbereichen eingerichtet, welches mit Klappsitzen ausgestattet ist. Die Züge erhalten außerdem Neulack.

Seit Sommer 2018 erhalten die Züge beim Redesign auch das neue FIS, vorher umgebaute Züge wurden nur sporadisch nachgerüstet.

Probeträger für den Umbau war Tz 4012, welcher damals als „474 plus“ bezeichnet wurde. Er wurde im Juli 2011 der Presse im Werk Ohlsdorf vorgestellt und besaß seinerzeit eine Klimaanlage, selbstschließende Türen sowie eine farbige LED-Zielanzeige und ein neues FIS. Aufgrund technischer Schwierigkeiten, wie dem hohen Gewicht der Klimaanlage war der Prototyp nicht zulassungsfähig. Nach diversen Anpassungen und Rückbauten wurde Tz 4012 dann abermals am 9. Januar 2015 als erster modernisierter Serienzug vorgestellt, allerdings ohne neues FIS und ohne Klimaanlage. Der Umbau aller 112 Tz soll bis 2021 abgeschlossen werden. Die S-Bahn bezeichnet die Umbauzüge nun als „ET 474 Redesign“.

Die Baureihe 474 als Werbeträger

Seit 2015 können Züge der Baureihe 474/874 wieder als Werbeträger gebucht werden. Während bei „internen“ Kampagnen die Fahrzeugfront häufig mitgestaltet wird, bleibt die Front bei Vollwerbungen für Externe stets DB-rot. Eine Übersicht über aktuelle Werbezüge bietet >> diese << Liste.

Einsatz heute

Die Züge der Baureihe 474/874 kommen im März 2020 planmäßig auf den Linien S1 und S3 zum Einsatz.

S1planmäßiger Einsatz (alle Fahrten)
– zwischen Wedel und Ohlsdorf als Vollzug
– zwischen Ohlsdorf und Hamburg Airport als Kurzzug (vorderer Teil)
– zwischen Ohlsdorf und Poppenbüttel als Kurzzug (hinterer Teil)
– während der Betriebspause der Flughafen-S-Bahn zwischen Ohlsdorf und Poppenbüttel als Vollzug
S11planmäßiger Einsatz auf 3-4 der 12 Umläufe
S2kein planmäßiger Einsatz, nur als Ersatz für ET 490 anzutreffen.
S21planmäßiger Einsatz auf 1 Umlauf
S3planmäßiger Einsatz von Mehrsystemzügen (alle Fahrten außer 2 Umläufe)
– überwiegend als Vollzug
– zwischen Stade und Neugraben zeitweise als Kurzzug
– zwischen Neugraben und Elbgaustraße zeitweise als Langzug
– zwischen Elbgaustraße und Pinneberg zeitweise als Kurzzug
S31kein planmäßiger Einsatz, aber oft als Ersatz für ET 490 anzutreffen.

Weiterführende Links

Letzte Aktualisierung: 04.05.2020