Nachdem skeptische Stimmen immer lauter wurden, wurde heute bestätigt, was sich längst abzeichnete: Nach Niedersachsen trifft die Lieferverzögerung bei den neuen Coradia Max nun auch Schleswig-Holstein. Die 42 für die Netze Mitte und Süd-West bestellten Doppelstocktriebzüge werden nicht mehr rechtzeitig zum Fahrplanwechsel im Dezember 2027 zur Verfügung stehen. Alstom will erst 2028 mit der Auslieferung beginnen – mindestens ein Jahr später als geplant.
Das Land und die Verkehrsunternehmen arbeiten bereits an Ersatzkonzepten. Während die nordbahn ihre bisherigen Fahrzeuge zunächst bis Mitte 2028 weiter einsetzen will, prüft DB Regio die Weiterverwendung ihrer Doppelstockzüge. Besonders schwierig dürfte die geplante Verlängerung des RE 7 nach Dänemark werden. Dort wird der bisherige Zugverkehr zwischen Flensburg und Padborg bereits ab Dezember 2026 für mindestens ein Jahr durch Busse ersetzt.
Erst in der vergangenen Woche hatte DT5 Online über die inzwischen siebte Lieferverzögerung bei den 34 Coradia Max für die Landesnahverkehrsgesellschaft Niedersachsen (LNVG) berichtet. Eigentlich sollten die ersten Fahrzeuge dort bereits seit Dezember 2024 im Expresskreuz Bremen/Niedersachsen auf den Linien RE 1, RE 8 und RE 9 eingesetzt werden. Inzwischen ist die Inbetriebnahme der ersten Fahrzeuge auf 2028 verschoben worden. Für die kommenden beiden Jahre sind deshalb weiterhin Ersatzkonzepte erforderlich.
Spätestens nach dieser Mitteilung von Alstom zeichnete sich ab: Das wird sich auch auf Schleswig-Holstein auswirken. Dies hat sich nun bestätigt. Wie Alstom am heute gegenüber der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erklärte, werde für die Auslieferung der 42 Züge aufgrund „unvorhergesehener Schwierigkeiten im Produktionsprozess und im Zulassungsverfahren“ mehr Zeit benötigt als ursprünglich vorgesehen. Die Serienfertigung sei inzwischen angelaufen. Auch die Erprobung der Fahrzeuge in Deutschland und auf einem Versuchsring in Tschechien (Velim) laufe.
Für Schleswig-Holstein hatte im Mai 2025 die Montage der ersten vier Vorserienfahrzeuge im Alstom-Werk Salzgitter begonnen. Diese sind insbesondere für das Zulassungsprogramm vorgesehen, das auch Versuchsfahrten unter dem abweichenden Stromsystem in Dänemark umfasst. Damals hatte Alstom noch erklärt, mit dem Projekt im Zeitplan zu liegen. Wie viele der insgesamt 42 Züge inzwischen fertiggestellt sind und wie weit die Zulassung fortgeschritten ist, ist bislang nicht bekannt. Auch bleibt offen, was Alstom mit „Auslieferung ab 2028“ meint. Bislang wird öffentlich weder kommuniziert, wann genau ein erstes Fahrzeug ausgeliefert noch die Auslieferung abgeschlossen werden soll.
Die Bestellung umfasst 23 Zweisystemzüge für das Netz Mitte mit den Linien RE 7 zwischen Hamburg, Kiel und Flensburg /Tinglev (DK) sowie RE 70 zwischen Hamburg und Kiel. Weitere 19 Fahrzeuge sind für das Netz Süd-West mit den Linien RB 61 zwischen Hamburg und Itzehoe sowie RB 71 zwischen Hamburg und Wrist vorgesehen. Die vierteiligen Coradia Max bestehen jeweils aus zwei doppelstöckigen und zwei einstöckigen Wagen und sollen die bisherigen Fahrzeuge ab Dezember 2027 ersetzen. Beide Netze bleiben auch mit den neuen Verkehrsverträgen bei ihren bisherigen Betreibern DB Regio und nordbahn.
Verkehrsunternehmen prüfen Weiterbetrieb der bisherigen Züge
Die erhebliche Lieferverzögerung stößt beim Land auf Kritik. Verkehrsstaatssekretärin Susanne Henckel bezeichnete sie gegenüber den Kieler Nachrichten als „nicht akzeptabel“. Auch NAH.SH erklärte gegenüber der dpa, man dränge gemeinsam mit dem Land auf eine möglichst schnelle Inbetriebnahme. Zugleich bestätigte der Nahverkehrsverbund, dass bereits vorsorglich Gespräche mit den bisherigen Betreibern geführt würden, um Ersatzfahrzeuge für die Übergangszeit bereitzustellen.
Wie die Kieler Nachrichten am Mittwochnachmittag berichteten, zeichnen sich dabei bereits erste Lösungen ab. Besonders konkret sind die Planungen im Netz Süd-West: Die nordbahn will sämtliche derzeit dort eingesetzten Fahrzeuge nach aktuellem Stand bis Mitte 2028 weiterbetreiben. Das betrifft auch sieben fünfteilige FLIRT 3, die ursprünglich zum Ende des bestehenden Verkehrsvertrages im Dezember 2027 nach Nordrhein-Westfalen wechseln sollten. Dort sind sie für den Einsatz bei der WestfalenBahn auf der Linie RE 34 zwischen Dortmund und Siegen vorgesehen. Dieser Wechsel wird nun zunächst aufgeschoben.
Auch DB Regio prüft mit dem Land Lösungen für das Netz Mitte. Dort verkehren derzeit Doppelstocktriebzüge des Typs Twindexx auf den Linien RE 7 und RE 70, deren weiterer Einsatz nach dem Ende des bestehenden Verkehrsvertrages zunächst ebenfalls anders vorgesehen war. Eine Sprecherin der Deutschen Bahn erklärte gegenüber den Kieler und Lübecker Nachrichten, man stehe wegen der verspäteten Alstom-Züge in engem Austausch mit dem Land und prüfe gemeinsam mögliche Lösungen. Neben den Twindexx-Zügen fahren auch klassische lokbespannte Doppelstockzüge auf der Linie RE 70.

Stadler FLIRT 3-Züge der nordbahn

Bombardier Twindexx-Züge der DB Regio
„Für das Netz Mitte bietet die bestehende Fahrzeugflotte auf der Strecke Kiel/Flensburg–Hamburg eine weitestgehend gute Ausgangslage“, so die DB-Sprecherin. Dabei könne es auch um den Einsatz einer Ersatzflotte gehen. Eine verbindliche Zusage, dass die bisherigen Twindexx vollständig und für die gesamte Übergangszeit weiter eingesetzt werden, liegt allerdings noch nicht vor.
Ein solcher Weiterbetrieb muss auch vertraglich geregelt werden. Bereits bei der Vergabe der neuen Fahrzeuge im Juli 2023 hatte das Land darauf hingewiesen, dass die bisherigen Verkehrsverträge eine Weiterverwendung der vorhandenen Züge nach Dezember 2027 nicht vorsähen. Die Fahrzeuge gehören den Verkehrsunternehmen und stehen dem Land damit nicht automatisch für die neuen Verkehrsverträge zur Verfügung. Im neuen Verkehrsvertrag ist die landeseigene ZUG.SH für die Bereitstellung der Fahrzeuge verantwortlich.
Offen ist zudem, ob die bisherigen Flotten das gesamte künftig vorgesehene Verkehrsangebot mit den geplanten Kapazitäten abdecken können. Die Coradia Max sollten nicht nur ältere Fahrzeuge ersetzen, sondern auch Verbesserungen bei der Barrierefreiheit und den Platzkapazitäten ermöglichen. Mit einem längeren Einsatz der bisherigen Züge würden sich damit auch diese Verbesserungen verzögern.
Eine weitere, bislang rein theoretische Möglichkeit für das Netz Mitte könnte sich in der zweiten Jahreshälfte 2028 ergeben. Für die Korridorsanierung Hamburg–Lübeck ist nach derzeitiger Planung eine Sperrung vom 23. Juni bis zum 8. Dezember 2028 vorgesehen. Während dieser Zeit könnten möglicherweise einzelne der 18 Stadler KISS des Elektronetzes Ost, die normalerweise auf der Achse Hamburg – Lübeck – Tavemünde Strand eingesetzt werden, für andere Aufgaben zur Verfügung stehen. Über solche Überlegungen ist noch nichts bekannt geworden.
Dänemark-Verbindung stellt Ersatzkonzept vor besondere Herausforderungen
Besonders schwierig könnte die Fahrzeugfrage für den geplanten grenzüberschreitenden Regionalverkehr nach Dänemark werden. Der RE 7 soll künftig alle zwei Stunden über Flensburg hinaus bis ins dänische Tinglev verkehren und damit eine umsteigefreie Verbindung von Hamburg nach Dänemark herstellen. Für diese Verlängerung war die Bestellung im Oktober 2023 sogar eigens von ursprünglich 40 auf 42 Coradia Max aufgestockt worden. Dänemark beteiligt sich an den Kosten des zusätzlichen Verkehrs.
Die neuen Fahrzeuge des Netzes Mitte sind deshalb als Zweisystemzüge vorgesehen. Neben der deutschen Bahnstromversorgung müssen sie auch mit der in Dänemark verwendeten Spannung von 25 Kilovolt bei 50 Hertz betrieben werden können. Hinzu kommen die Zulassung für das dänische Streckennetz und die erforderliche Ausrüstung mit dem europäischen Zugbeeinflussungssystem ETCS.
Gerade diese Anforderungen schränken die Möglichkeiten für einen kurzfristigen Ersatzbetrieb erheblich ein. Die bisher auf dem RE 7 eingesetzten Twindexx können nicht in Dänemark eingesetzt werden – ebenso nicht die anderen in Schleswig-Holstein eingesetzten Regionalzüge.
Selbst die dänische Staatsbahn DSB wird nicht bzw. nur bedingt aushelfen können. Hintergrund ist die schrittweise Einführung des europäischen Zugbeeinflussungssystems ETCS auf den Strecken im südlichen Dänemark. Der dänische Infrastrukturbetreiber Banedanmark stellt die Sicherungstechnik zwischen Fredericia beziehungsweise Middelfart und Padborg sowie Sønderborg im Laufe des Jahres 2027 abschnittsweise um. Auch die Grenzbetriebsstrecke zwischen Flensburg-Friedensweg und Padborg wird auf ETCS Level 2 ohne ortsfeste Signale umgestellt. Die DSB muss ihre bislang eingesetzten IC3-Triebzüge entsprechend nachrüsten, damit diese weiterhin auf den umgestellten Strecken verkehren können. Nach der Hochrüstung der Züge ist ein Einsatz in Deutschland nicht mehr möglich. Ab 13. Dezember fahren daher für das gesamte Fahrplanjahr 2027 über Busse statt Züge.
Die Ersatzbusse zwischen Flensburg und Padborg werden nach Angaben von NAH.SH alle zwei Stunden verkehren. In Flensburg fahren sie zwischen 5.30 und 21.30 Uhr, in Padborg zwischen 6.05 und 22.05 Uhr ab. Für Reisende, die mit dem RE 7 aus Richtung Hamburg kommen, ergeben sich dabei Wartezeiten von knapp 45 Minuten bis zur Weiterfahrt. Die Fahrt zwischen beiden Bahnhöfen dauert mit dem Bus rund 25 Minuten statt bisher etwa zehn Minuten mit dem Zug. In den nachfragestärkeren Sommermonaten 2027 haben DSB und NAH.SH zusätzliche Fahrten vereinbart. Rund um die Mittagszeit sollen die Busse dann stündlich verkehren. Im Frühjahr und Herbst ist diese Verdichtung zusätzlich an Wochenenden vorgesehen. Ab Ende Oktober 2026 sollen die Ersatzbusverbindungen auch in den digitalen Fahrplanauskünften hinterlegt sein.
Ursprünglich sollte die Einführung der neuen Coradia Max Ende 2027 zugleich die Wiederaufnahme eines durchgehenden grenzüberschreitenden Regionalverkehrs ermöglichen. Der Start der RE 7-Verlängerung wurde allerdings bereits auf 2028 verschoben. Noch in ihrer Mitteilung vom 19. Oktober erklärten NAH.SH und DB Regio, davon auszugehen, dass die Ersatzbusse ab 2028 durch neue, mit ETCS ausgerüstete Regionalzüge bis Tinglev abgelöst werden könnten.
Ob sich dieser Zeitplan trotz der inzwischen bestätigten Lieferverzögerung halten lässt, ist unklar. Entscheidend ist nicht allein, wann die ersten Coradia Max nach Schleswig-Holstein kommen. Die für Dänemark vorgesehenen Fahrzeuge müssen auch sämtliche technischen und betrieblichen Voraussetzungen für den grenzüberschreitenden Einsatz erfüllen. Sollten sie 2028 noch nicht zur Verfügung stehen, könnte der Busverkehr zwischen Flensburg und Padborg länger als bisher vorgesehen erforderlich werden. Es bleibt also spannend…
Opposition fordert belastbares Ersatzkonzept
Die Opposition im Schleswig-Holsteinischen Landtag fordert angesichts der Verzögerung inzwischen konkrete Antworten von Verkehrsminister Claus Ruhe Madsen (CDU). Ulf Kämpfer (SPD) bezeichnete die erneuten Lieferprobleme gegenüber der dpa als weiteren Rückschlag für die Pendlerinnen und Pendler. Die Landesregierung müsse einen belastbaren Ersatzplan vorlegen und darlegen, welche Fahrzeuge eingesetzt werden könnten, ob ausreichende Kapazitäten zur Verfügung stünden und der vollständige Fahrplan gesichert werden könne. Außerdem müsse geklärt werden, welche Ansprüche das Land gegenüber Alstom geltend mache.
Auch Sybilla Nitsch (SSW) verlangte nach Angaben der Kieler Nachrichten einen unverzüglichen Notfallplan. Sie verwies insbesondere auf den bereits verschobenen Start der durchgehenden RE 7-Verbindung nach Tinglev, dessen neuer Zeitplan durch die Lieferprobleme erneut infrage stehe.
Für Alstom ist die Verzögerung der Schleswig-Holstein-Flotte nicht die erste bei diesem Fahrzeugtyp – und realistisch gesehen ziemlich wahrscheinlich auch nicht die letzte…
Titelbild: © Alstom Advanced & Creative Design, 08.2024
