Auf der Linie S1 fällt im Hamburger Westen derzeit ein Teil der Verstärkerfahrten aus. Bereits seit vergangenem Montag fährt die Linie S1 montags bis freitags während der Hauptverkehrszeiten zwischen Othmarschen und Blankenese nur noch im 10- statt im üblichen 5-Minuten-Takt. Die Einschränkung soll bis zum 16. Oktober gelten. Als Grund nennt die S-Bahn Hamburg einen „kurzfristigen Fahrzeugausfall“.
Betroffen sind nur die zusätzlichen Fahrten des 5 Minuten-Taktes und diese auch nur im Abschnitt zwischen Othmarschen und Blankenese. Die Fahrten des 10 Minuten-Taktes (bzw. 20 Minuten-Taktes) sind nicht betroffen, zwischen Othmarschen und Poppenbüttel fahren die Züge wie gewohnt. Der S-Bahn Hamburg fehlen nach Informationen von Nahverkehr Hamburg derzeit zwei Triebzüge dauerhaft – also ein vollständiger Vollzug. Durch die Verkürzung der S1-Verstärkerfahrten soll dieser Engpass nun aufgefangen werden.
Digitalisierung trifft auf verspätete Neufahrzeuge
Der Fahrzeugengpass fällt in eine Phase, in der die S-Bahn einen Teil ihrer Bestandsflotte für die künftige digitale Zugsicherung umrüstet. Ab 2030 sollen schrittweise weite Teile des Hamburger S-Bahn-Netzes mit dem neuen europäischen Zugsicherungssystem ETCS und der automatisierten Fahrtechnik ATO betrieben werden. Dafür müssen auch die bereits vorhandenen Fahrzeuge zusätzliche Technik erhalten und jeweils für mehrere Wochen in die Werkstatt. Vier Fahrzeuge der Baureihe 474 wurden für den ITS-Verkehrskongress 2021 umgerüstet und seitdem auf der Linie S2 erprobt. Nun sind zwei weitere Prototypen der Baureihe 474 und ein Prototyp der Baureihe 490 im Umbau.
Eigentlich sollten zusätzliche Neufahrzeuge diese Werkstattaufenthalte abfedern. Insgesamt sind 64 weitere Fahrzeuge der Baureihe 490 bestellt, die unter anderem für die Netzerweiterungen nach Bad Oldesloe und Kaltenkirchen sowie die künftige S6 vorgesehen sind. Sie sollten ursprünglich bereits bis 2024 vollständig ausgeliefert sein.
Da sich die neuen Fahrzeuge der Baureihe 490 technisch von den Bestandsfahrzeugen unterscheiden, etwa aufgrund der ETCS- und ATO-Technik an Bord, ist erneut ein umfangreiches Zulassungsverfahren erforderlich. Trotz Zulassung der europäischen Eisenbahnbehörde ERA sind offenbar noch weitere Zulassungen nötig: Laut Nahverkehr Hamburg sei erst das erste von derzeit vier in Hamburg befindlichen Neufahrzeugen durch das Eisenbahn-Bundesamt zugelassen. Dazu kommt: Seit März 2026 wurden keine weiteren Fahrzeuge mehr ausgeliefert. Die Abnahme der ersten Neufahrzeuge soll noch in diesem Monat beginnen.
Aktuell treffen damit zwei Entwicklungen zusammen: Während erste Bestandsfahrzeuge für die Digitalisierung aus dem Verkehr genommen werden, stehen die ursprünglich als zusätzliche Reserve vorgesehenen Neufahrzeuge noch nicht in ausreichender Zahl zur Verfügung. Insgesamt umfasst die Hamburger S-Bahn-Flotte derzeit 194 Fahrzeuge.
Normaler Takt soll Mitte Oktober zurückkehren
Die S-Bahn Hamburg rechnet damit, den Fahrzeugengpass bis zum 16. Oktober wieder auflösen zu können. Unmittelbar anschließend hilft dabei auch eine größere Baustelle im Osten des S-Bahnnetzes: Vom 17. Oktober bis zum 1. November wird die Strecke zwischen Berliner Tor und Bergedorf vollständig gesperrt. Während dieser Zeit werden Fahrzeuge frei, die anderweitig eingesetzt werden können. Anfang November sollen nach derzeitiger Planung zudem die ersten neu ausgelieferten Züge für den Fahrgastbetrieb zur Verfügung stehen.
Die aktuelle Situation macht zugleich deutlich, wie knapp die unmittelbar verfügbare Fahrzeugreserve derzeit ist: Nach den Angaben der S-Bahn reichen zwei fehlende Fahrzeuge beziehungsweise ein fehlender Vollzug aus, damit der 5-Minuten-Takt auf einem Teil der S1 über mehrere Wochen nicht angeboten werden kann.
Bereits seit einiger Zeit waren immer wieder einzelne Fahrt- und Behängungsausfälle zu beobachten: Züge fuhren gar nicht oder mit einem Zugteil weniger als üblich – selbst auf der S1, die in Ohlsdorf eigentlich geflügelt wird. Ob das neben den genannten Umständen auch auf Personal- oder Materialengpässe in den Werkstätten zurückzuführen ist, bleibt bislang offen – läge aber auch nicht fern.
Informationen erst kurz vor Beginn
Für Diskussionen sorgt auch die Information der Fahrgäste. Nur an ausgewählten Haltestellen wird mit Aushängen auf den Ausfall dieser Fahrten hingewiesen. Auf der Website der S-Bahn Hamburg gab es erst zwei Tage vor Beginn der Maßnahme eine Meldung.
Inzwischen ist die mehrwöchige Einschränkung auf der Seite mit den Fahrplanänderungen der S-Bahn Hamburg gar nicht mehr sichtbar. Dort werden aktuell zwar allgemein Fahrplanänderungen und Bauarbeiten angekündigt, ein Hinweis auf den entfallenden 5-Minuten-Takt zwischen Othmarschen und Blankenese ist derzeit jedoch nicht aufgeführt.
Beim hvv ist dagegen weiterhin eine Verkehrsmeldung abrufbar. Sie nennt den Zeitraum vom 14. September bis zum 16. Oktober und weist darauf hin, dass montags bis freitags während der Hauptverkehrszeiten der 5-Minuten-Takt zwischen Othmarschen und Blankenese entfällt. Ein Detail in der hvv-Meldung unterstreicht dabei zumindest den Eindruck einer kurzfristig erstellten Meldung: Der 16. Oktober wird dort als Mittwoch bezeichnet, tatsächlich ist dieser Tag aber ein Freitag…
Taktreduzierung erreicht auch die Bürgerschaft
Inzwischen ist das Thema auch in der Hamburger Landespolitik angekommen. Die CDU-Abgeordnete Dr. Anke Frieling hat unter dem Titel „Taktreduzierung der S1 – unzureichende Information der Fahrgäste“ eine Schriftliche Kleine Anfrage an den Senat gerichtet. Frieling vertritt den Wahlkreis Altona-West, zu dem auch Blankenese gehört, und ist Mitglied des Verkehrsausschusses der Hamburgischen Bürgerschaft.
Die Anfrage greift unter anderem die kurzfristige Fahrgastinformation und die Auswirkungen der Einschränkung auf. Einzelne Fragen reichen dabei über den von der S-Bahn angekündigten Änderungsbereich hinaus: So erkundigt sich Frieling auch nach Auswirkungen zwischen Blankenese und Wedel, obwohl der entfallende 5-Minuten-Takt die Verstärkerfahrten zwischen Othmarschen und Blankenese betrifft. Ebenso fragt die Abgeordnete nach den regulär vorgesehenen Takten der S1, die bereits dem veröffentlichten Fahrplan zu entnehmen sind. Die Senatsantwort kann allerdings noch klären, ob der Fahrzeugengpass über die veröffentlichten Fahrplanänderungen hinaus weitere betriebliche Auswirkungen hat.
KI-Hinweis: Bei der Erstellung des Titelbildes erfolgte eine KI-Bearbeitung (Vervollständigung der flackernden LED-Zugzielanzeige).
