Die Landesnahverkehrsgesellschaft Niedersachsen (LNVG) und der Regionalverband Großraum Braunschweig haben insgesamt 113 Batterietriebzüge vom Typ Siemens Mireo Plus B bestellt. Die ersten Fahrzeuge sollen ab Ende 2031 im Weser-Leine-Netz und im Harz-Heide-Netz eingesetzt werden. Ab Ende 2033 ist der Einsatz auch im Heidekreuz geplant, zu dem auch die Linie RB 38 zwischen Hamburg-Harburg und Hannover gehört. Der Auftrag umfasst neben den Fahrzeugen auch zwei neue Werkstätten sowie deren Betrieb und die Instandhaltung der Flotte über 30 Jahre. Das Gesamtvolumen des Auftrags beträgt mehr als zwei Milliarden Euro.
Wie das niedersächsische Verkehrsministerium am Dienstag mitteilte, hat Siemens Mobility den Zuschlag für die gemeinsame Fahrzeugbeschaffung erhalten. Von den 113 dreiteiligen Batterietriebzügen sind 83 für den Fahrzeugpool der LNVG und weitere 30 für die Regionalbahnfahrzeuge Großraum Braunschweig GmbH (RGB) vorgesehen. Letztere ist eine Tochtergesellschaft des Regionalverbands Großraum Braunschweig. Die Fahrzeuge sollen künftig den jeweils beauftragten Eisenbahnverkehrsunternehmen für den Betrieb zur Verfügung gestellt werden. Welche Unternehmen das künftig sein werden steht noch nicht fest.
Mit der Neubeschaffung sollen schrittweise dieselbetriebene Regionalzüge ersetzt werden. Die neuen Triebzüge können sowohl unter Oberleitung als auch mit Energie aus ihren Batterien fahren und damit auch Strecken ohne durchgehende Elektrifizierung bedienen. Dafür müssen die Voraussetzungen zum Aufladen der Fahrzeuge auf den jeweiligen Strecken geschaffen werden.
Erste Batteriezüge ab Ende 2031 – Heidekreuz folgt 2033
Die ersten Fahrzeuge sollen zum Fahrplanwechsel im Dezember 2031 im Weser-Leine-Netz und im Harz-Heide-Netz zum Einsatz kommen. Die LNVG hat inzwischen konkretisiert, dass die neuen Batteriezüge im Weser-Leine-Netz zunächst auf den Linien RB 84 Kreiensen – Paderborn, RB 85 Göttingen – Paderborn und RB 86 Einbeck – Göttingen verkehren sollen. Das gesamte Netz umfasst darüber hinaus weitere Verbindungen unter anderem zwischen Hannover, Hildesheim, Bad Harzburg, Kreiensen, Holzminden, Bodenfelde und Göttingen.
Für das Harz-Heide-Netz im Großraum Braunschweig sind die 30 Fahrzeuge der RGB vorgesehen. Nach den bisherigen Planungen sollen die Batterietriebzüge unter anderem auf den Linien RB 42 Braunschweig – Bad Harzburg, RB 43 Braunschweig – Goslar, RB 44/48 Braunschweig – Salzgitter-Lebenstedt, RB 45 Braunschweig – Schöppenstedt und RB 47 Braunschweig – Uelzen eingesetzt werden. (Hinweis: Die Linienzuordnung stammt aus früheren Veröffentlichungen des Landes und kann sich im Zuge des endgültigen Betriebskonzepts noch ändern.)
Für die Einführung der Batteriefahrzeuge müssen im Harz-Heide-Netz auch Teile der Streckeninfrastruktur angepasst werden. Der Regionalverband Großraum Braunschweig sieht unter anderem die Elektrifizierung von Abschnitten zwischen Vienenburg, Bad Harzburg und Goslar sowie zwischen Braunschweig und Gifhorn vor. Diese sollen den Zügen das Aufladen während der Fahrt ermöglichen. Noch im März 2026 hatte der Regionalverband eine Betriebsaufnahme im Jahr 2030 in Aussicht gestellt. Nach der aktuellen Mitteilung ist der Einsatz nun erst für Ende 2031 vorgesehen.
Zwei Jahre später, also Ende 2033, soll das Heidekreuz auf die neuen Batteriezüge umgestellt werden. Das betrifft nach den bisherigen Planungen die Linien RB 37 Bremen – Soltau – Uelzen, RB 38 Hamburg-Harburg – Buchholz – Soltau – Hannover und RB 39 Soltau – Lüneburg. Damit erreichen die neuen Batteriezüge auch das hvv Gebiet. Für die Umstellung muss insbesondere im Raum Soltau weitere Ladeinfrastruktur entstehen.
Dreiteilige Fahrzeuge mit Einstiegen für zwei Bahnsteighöhen
Bei den bestellten Fahrzeugen handelt es sich um dreiteilige Siemens Mireo Plus B-Fahrzeuge mit einer Länge von jeweils 63,46 Metern. Sie sind für eine Höchstgeschwindigkeit von 160 km/h ausgelegt und bieten mehr als 170 Sitzplätze, darunter mindestens sechs in der 1. Klasse. Hinzu kommen zwei Rollstuhlplätze, großzügige Mehrzweckbereiche, WLAN und moderne Fahrgastinformationssysteme.
Je Triebzug sind mindestens sechs Fahrradstellplätze vorgesehen, deren Zahl saisonal auf bis zu 18 erweitert werden kann. Eine Besonderheit bilden die unterschiedlichen Einstiegshöhen: Die Fahrzeuge erhalten Türen, die für Bahnsteige mit 55 und 76 Zentimetern Höhe ausgelegt sind. Damit soll an Bahnsteigen beider Höhen ein stufenfreier Einstieg ermöglicht werden. So sollen die Züge trotz der unterschiedlichen Bahnsteigstandards im niedersächsischen Regionalbahnnetz möglichst barrierefrei genutzt werden können.
Die Batterietriebzüge beziehen auf elektrifizierten Abschnitten ihren Strom aus der Oberleitung und können dort zugleich ihre Energiespeicher aufladen. Auf Strecken ohne Fahrdraht fahren sie anschließend mit Batteriestrom weiter. Wo vorhandene Oberleitungen nicht ausreichen, müssen ergänzende Ladeeinrichtungen oder sogenannte Oberleitungsinseln entstehen. Die LNVG hatte bereits 2020 entschieden, keine neuen Dieseltriebzüge mehr zu kaufen.
Zwei neue Werkstätten und Instandhaltung über 30 Jahre
Der jetzt vergebene Auftrag geht deutlich über die eigentliche Fahrzeuglieferung hinaus. Siemens Mobility soll auch die erforderliche Werkstattinfrastruktur errichten und betreiben sowie die Fahrzeuge über einen Zeitraum von 30 Jahren instand halten. Vorgesehen sind zwei neue Betriebswerkstätten in Goslar und Soltau – also inmitten der künftigen Einsatzgebiete.
Der Umfang dieser zusätzlichen Leistungen schlägt sich im Gesamtvolumen nieder: Während die Beschaffung der 113 Fahrzeuge mit rund einer Milliarde Euro beziffert wird, beläuft sich der Gesamtauftrag einschließlich der neuen Werkstätten, deren Betrieb, Ersatzteilpaketen und der langfristigen Instandhaltung auf mehr als zwei Milliarden Euro. Eine gesonderte Aufschlüsselung der Kosten für die beiden Werkstätten und die Instandhaltungsleistungen wurde bislang nicht veröffentlicht.
Angaben zur genauen Lage, zur Größe und zu den vorgesehenen Kapazitäten der beiden Werkstätten liegen ebenfalls noch nicht vor. Auch konkrete Fertigstellungstermine für die Anlagen wurden bislang nicht genannt.
Bestandteil der niedersächsischen SPNV-Strategie 2040+
Die Fahrzeugbeschaffung ist Teil der niedersächsischen SPNV-Strategie 2040+, mit der das Land und die zuständigen Aufgabenträger den regionalen Schienenverkehr langfristig weiterentwickeln wollen. Vorgesehen sind unter anderem zusätzliche Kapazitäten, Verbesserungen des Verkehrsangebots und die schrittweise Umstellung auf alternative Antriebe.
Niedersachsens Verkehrsminister Grant Hendrik Tonne (SPD) erklärte anlässlich der Vergabeentscheidung, mit den neuen Fahrzeugen sollten insbesondere die Bahnverbindungen im Flächenland gestärkt werden. Die Sprecherin der LNVG-Geschäftsführung, Carmen Schwabl, verwies auf die Verbindung moderner Antriebstechnik mit hoher Wirtschaftlichkeit und einem verbesserten Fahrgastkomfort.
Bis zur geplanten Inbetriebnahme Ende 2031 müssen die Fahrzeuge hergestellt, erprobt und zugelassen sowie die erforderlichen Werkstatt- und Ladeeinrichtungen geschaffen werden. Während die ersten Züge im Weser-Leine- und Harz-Heide-Netz eingesetzt werden sollen, ist die Umstellung des Heidekreuzes für Ende 2033 vorgesehen. Damit wird der Ersatz dieselbetriebener Regionalzüge in Niedersachsen über mehrere Jahre gestaffelt erfolgen.
Titelbild: Visualisierung der Mireo Plus B-Züge, Quelle: Siemens Mobility. Hinweis: Bild wurde mit KI nachbearbeitet (Bild erweitert).
